Fast beim „Krach am Bach“

– oder: Betrunken am Weltfrauentag –

„Perfekt wäre es, ich würde von einer Recherche zurückkommen, dem Redakteur nur mein Notizbuch schicken, und der würde es, unangetastet, dem Drucker übergeben.“ – Hunter S. Thompson

Einen seriösen Bericht über einen Bandcontest voller geiler Musik schreiben und gleichzeitig geile Musik seriös abfeiern, das wird einem selten auf Journalistenschulen beigebracht. Aber Probieren geht über Studieren, nicht wahr? Also bin ich hin zum Bandcontest, ausgerüstet mit Notizblock, Digitalkamera und Feierbereitschaft. Was folgt, ist aber, wie immer, der Morgen danach.

Ich renne zwischen Kloschüssel, Schlafzimmer und Küche hin und her: Kotzen, Schlafen, Suchen. Verdammte Scheiße, irgendwo muss der beschissene Zettel sein, denke ich mir in der Küche, wo noch meine achtlos hingeworfene Lederjacke liegt, während ich schon wieder Richtung Kloschüssel renne und fast über meine Schuhe im Flur falle. Ich gehe nochmal auf Nummer sicher und gucke tiefer rein. Nein, gegessen habe ich meine Notizen nicht. Vorgestern war Bandcontest für das „Krach am Bach“-Festival. Scheiß drauf. „Sexgewitter“ haben gewonnen, daran kann ich mich noch erinnern. Die dürfen also vom 12. auf den 13. Juli in Prölsdorf spielen. Glückwunsch!

Ansonsten?: Nackenweh, Kopfweh, Herzweh. Meine Freundin ist in Stuttgart. Wie beschissen kann so ein Samstagmorgen eigentlich anfangen? Wenigstens bin ich nicht in Stuttgart aufgewacht. Die Kamera! Mir fällt ein, dass ich doch meine kleine Fotomaschine dabei hatte. Wo ist die Kamera? Wenn es irgendetwas gibt, was mich mit einer Hand an der Realität festhält, dann ist das meine kleine süße Kamera, die nie lügt. Ich liebe meine Kamera. Wenn meine Freundin nicht da ist, liebe ich meine Kamera am meisten.

Funk, Punk, Metal

Fein gemacht hatte ich mich für die sechs Bands, die an dem Abend um die Ehre spielen sollten, bei „Krach am Bach“ spielen zu dürfen. Denn oberste Devise ist immer, gut aussehen und nicht auffallen. Also hab ich meine alten Ledertreter angelegt, das Totenkopfhemd über mein knallgelbes Andy Warhol-Museum-Slovakia-Shirt gezogen und über allem – zwischen viel zu schmächtiger Brust und viel zu bärtigem Bart – den viel zu langen Sleaze-Rock-Schal geworfen. Fingernägel? Heute nicht. Damit sollte jeder musikalischen Moderichtung genüge getan sein.

„kobold“, „Blaucrowd Surfer“, „Fun Goth“, „Turn the Course“, „Sexgewitter“, „Silent Youth“, so hießen die Bands beim Bandcontest und ich habe keine Ahnung mehr, in was für eine Reihenfolge sie gespielt haben, geschweige denn, wer was für eine Musik gemacht hat. Schulband-Funk war genauso dabei wie Punk-Rotz oder Nü-Metal-Emo-Core. Ich habe gesehen, wie Sänger ihre chuckbeschuhten Füße unter skinny-bejeansten Beinen auf die Monitorboxen gestellt haben, als ob wir 1986 hätten – was erstaunlich gut funktioniert hat –, ich habe viele Bandshirts verschiedenster Bands gesehen, die ich schon fast vergessen hatte und ich habe bauchtätowierte Triangel spielende Männer gesehen. Manche Zuschauer trugen schwarzrot karierte Hosen, andere Jeanskutten übervoll mit Patches von bösen Bands und manchmal blitzten blaue Haare durch den künstlichen Nebel. Das weibliche Pendant zum generischen Maskulin ist hier immer mitgedacht, denn es war Weltfrauentag. Das Bier in den Haas-Sälen war billiger als gewöhnlich.

Bier, Bands, Schnaps

Gegen 20 Uhr ging es los. Die Reihenfolge der Bands wurde ausgelost. An die 50 Bands hatten sich beworben. Wer an dem Abend mit dabei sein durfte, hat sich weniger am musikalischem Können bemessen als am Gesamteindruck, hat mir Sebastian Schunder, Mitglied des Veranstaltungsteams, im Vorfeld geschrieben. Erst seit 2016 gibt es den Bandcontest. Das Festival selbst seit 2006.

Das erste Bier an der Bar ist immer gut, um reinzukommen in so einen Abend. Die Band bemüht sich redlich. Sie kann überhaupt nichts dafür, dass am Anfang alle nur rumstehen. Gute Abende müssen eben erst ins Rollen kommen. Hier spielen also ein paar Bands vor, damit das Publikum später basisdemokratisch darüber befinden kann, wer es verdient hat, auf dem Festival zu spielen. Das ist der Hauptpreis. Die beiden Verlierer bekommen fünf Freitickets (Platz 2) und die dritten 20 Liter Freibier beim Festival, müssen aber offensichtlich die Tickets für 40 Euro selbst zahlen.

Ich trinke einen Kurzen und nehme das Bier mit auf die Terrasse, wo ich mir eine Zigarette anmache und mit Freunden darüber rede, worüber man halt redet, wenn man noch zu nüchtern für den totalen Mist, aber schon zu angetrunken für die akute Weltlage ist: über Musik. Auf der Bühne rumpelt es derweil los. Der Gitarrist von „kobold“, so zeigen meine Fotos, verlässt sich auf die klassischste der klassischen Kombinationen im härteren Rockbereich und spielt eine Les Paul Gitarre über Marshall-Verstärker. Die Band hat ihren Spaß. Ich hole mir noch ein Bier und wundere mich darüber, warum noch immer nicht mehr vor der Bühne los ist.

beduselt, betrunken, begeistert

Vielleicht ist es, denke ich mir an der Theke, eben wie bei richtigen Festivals. Man geht nur zu den Bands, die man wirklich sehen will. Die anderen verfolgt man beduselt von weiter hinten, um es nicht so weit zum Nachschub zu haben. Dabei ist das Konzept hier ein anderes. Zum einen soll eine gute Band gefunden werden, die das ohnehin schon vielseitige Festival-Line-Up noch um verdienten Nachwuchs bereichert. Und zum anderen soll mal der Krach-Nachwuchs aus seiner Nische geholt und so vielen Leuten wie möglich vorgestellt werden. Denn es ist zwar möglich, dass Leute, die die „Blaucrowd Surfer“ mögen, auch „Turn the Course“ hören, aber wahrscheinlich ist es nicht.

Das Bier stieg mir langsam aber sicher vom Magen in den Kopf, wo es nachhaltig und unnachgiebig durchgeschüttelt wurde als ich quer durch die Haas-Säle geflogen bin. Das ist, was passieren sollte: keine Ahnung haben, was kommt, sich aber mit Vollgas drauf einlassen. „Fun Goth spielen Punkrock“ war eine Ansage, die genauso knapp und trocken war wie der Punkrock, den „Fun Goth“ gespielt haben. Mehr ist zu der Band nicht zu sagen. Oh, halt, doch, sie haben den dritten Platz belegt. Zweiter wurde übrigens, so rekonstruiere ich aus den zugegeben ziemlich miesen Fotos, „Silent Youth“. An deren Auftritt erinnere ich mich gar nicht mehr. Sorry, echt. Aber die Fotos machen wirklich was her. Geiler Auftritt bestimmt.

schrubb, krächz, knall

Irgendwo bei „Sexgewitter“ muss es mir die Lichter ausgeblasen haben. Ich glaube aber, dass die drei Bands, die am meisten Spaß auf der Bühne hatten, am Ende erfolgreich waren. „Sexgewitter“ haben vielleicht gewonnen, weil ihnen zudem noch alles egal war. Der DJ, ein großer, weißbärtiger Mann, der statt des obligatorischen Sängers auf der Bühne vorne in der Mitte stand, hat seltsame Geräusche zwischen den Liedern eingespielt und sich später, als es galt, seinen Triangel-Einsatz verpasst. Er trug eine gehäkelte Davy-Jones-Strickmütze, die das ganze Gesicht bedeckte und ihn unangenehm am Biertrinken hinderte. Das Genre, in dem sich „Sexgewitter“ einordnen, nennen sie Krach. Das heißt, die Gitarren schrubben, der Gesang krächzt, das Schlagzeug knallt. Gesungen haben zwei Frauen, Gitarre und Bass haben auch Frauen gespielt, auch am Schlagzeug saß eine Frau. Also eigentlich waren nur der Bärtige und ein anderer Gitarrist Männer. Ich dachte mir gleich, dass sowas am Weltfrauentag gut ausgehen würde.

Aber ehrlich, von dem, was die beiden da gesungen haben, habe ich kein Wort verstanden. Gesehen habe ich auch nichts. Ich weiß nur noch, dass der DJ irgendwann vor der Bühne auf dem Boden lag und ich wie ein Irrer um ihn herum gesprungen bin, um ein gescheites Foto von ihm machen zu können. Als das nicht funktioniert hat, bin ich zur Theke und habe mir noch eines der leckeren, billigen Biere gekauft und bin eine rauchen gegangen. Ich meine, Pogo schön und gut, aber wenn man mich meine Arbeit nicht in Ruhe machen lässt, mach ich eben gar nichts mehr. Dann habe ich angefangen zu trinken.

Ich hätte ahnen können, wie das endet. Denn sobald es etwas enger vor der Bühne wurde, habe ich mich reingestürzt. Die Regel war einfach: bei Metal bangen, bei Punk pogen. Sogar eine Wall-of-death wollte eine Band initiieren. Das wurde dann aber eher ein floraler Paravent des Todes, aber gut, sie haben sich bemüht. Den Metalcore, den die gespielt haben, ich glaube es waren „Turn the Course“, kennt man und kann man sogar mögen. Fast haben sie mit ihren Posen, die man von den großen Bands auf den großen Bühnen kennt, etwas zu professionell für den Abend gewirkt, der eher gehobenes DIY war. Also voller Leidenschaft, die über manch unsicher Gearbeitetes hinweggetragen hat. Leider sind einige Melodien des Gitarristen untergegangen. Der Kerl wusste offensichtlich, was er da macht, zumindest sahen seine Finger so aus. Die anderen Bands haben, soweit ich mich erinnern kann, fast völlig auf Gitarrensolos verzichtet. Was ist nur aus den Solos geworden? Aber ich verliere mich.

Sound, Sound, Sound

Wo war ich? Stimmt, ich erinnere mich noch, wie ein Freund von seiner Freundin freundlich nach Hause komplimentiert wurde. Er war da in etwa so gut drauf wie ich, aber ich hatte niemanden dabei, der mich hätte warnen können. Das nächste, woran ich mich erinnern kann, war wie ich am Samstagmorgen durch die Wohnung gehetzt bin, in der Hoffnung, das würde irgendwas besser machen. Heute weiß ich, dass es das nicht tat. Also habe ich die Suche nach den Notizen endgültig aufgegeben.

Ich konnte ohnehin nicht mehr ohne Kammerflimmern aus den Augen sehen. Schon als ich meine Jacke aufheben wollte, drückte es mir schwarz um die Augen. Sogar Wasser wollte ich sicherheitshalber nicht trinken, weil ich nicht wusste, ob ich meinen Magen damit nicht ungewöhnlich hart von etwas abgewöhnen würde, an das er sich schon gewöhnt hatte. Jedenfalls kroch und krabbelte ich mühsam zurück ins Bett und lag dann da ohne meine Freundin, einsam, gebrochen und hundemüde.

Ich klickte mich durch die langweiligen Weiten des Internets und stolperte dann über poetologische Gedanken zum Theaterstückeschreiben. Das war meine Rettung – und das würde ich auch so dem Zeit-Magazin erzählen. Ich las und war wieder so glücklich wie am Abend zuvor, als ich zwischen schwitzenden Punks und Metalern hin und her geflogen bin. Glücklich, weil mein Kopf so schwer vom Feiern der Frauen an ihrem Tag und der schönen Musik war, dass ich meine Augen kaum mehr offen halten konnte. Aber die Sätze, die der Kerl da mal irgendwem irgendwo vorgelesen hatte, haben mich gepackt, haben mir Mut gemacht und gesagt, dass es Wichtigeres gibt als besoffen gemachte Notizen. Ich las: „Nix Idee, nix Meinung zu irgendwas, nix interessanter Gedanke, nix psychologisches Problem. Sondern Sound. Sound, dem ist jetzt zu vertrauen, der weiß ja alles schon.“ Dann schrieb ich das hier auf.

Von |3. Mai 2019|Kategorien: Ausgebildet|Tags: , , , , , |