Texte Schreiben fürs Internet. So geht’s richtig!

– Der Autor ist tot, es lebe der Leser –

Texte schreiben für das Internet heißt, Regeln befolgen. Regeln, die von der gesamten Masse an Google-Nutzern mitbestimmt werden. Die Autoren verkommen dabei zu Dienstleistern. Der Entwicklung sind aber auch positive Seiten abzugewinnen.

Ich sitze in einem Seminar zum Texte schreiben für das Internet und schreibe einen Text für das Internet. Dieser Text soll sich an alle Regeln halten, die es dafür gibt. Selbstreflexive Abwärtsspiralen in das Bewusstsein und den – in diesem Fall – unausgeglichenen Gefühlshaushalt des Autors gehören nicht dazu.

Steve Krug: „Don’t make me think”

Was muss man beachten, wenn man Texte für das Internet schreibt? Und was heißt das für die Autoren? Erste Regel: „Don’t make me think!“  Diese Minimalformel und Maximalblödheit hat Steve Krug mal ausgegeben. Der Leser will nicht denken, also bring ihn nicht dazu! Ich hasse es, für das Internet zu schreiben. So in etwa muss demnach die heruntergebrochene Kernthese meines Textes hier stehen. Der dazu passende Cliffhanger lautet: Aber es ist nicht alles schlecht daran.

Denken wir den obigen Absatz in einem neuen Absatz weiter. Übrigens, kurze Absätze sind gut, weil viele auf dem Smartphone lesen. Schlecht sind Wortspiele: kurze Absätze, kürzere Sätze, ätzend, sowas. Der Leser will nicht denken. Das heißt, der Text soll genau das nicht tun, wofür ihn die meisten Autoren mit Haltung, Verstand und Herz schreiben: Menschen zum Denken bringen.

Zwischenüberschrift

Meine Regel ist, zwei Absätze, eine Zwischenüberschrift. Die habe ich gerade erfunden, das steht so in keinem der Handbücher, die man sich kaufen kann. Denn wie in der Zeitung überfliegt jeder erstmal den Text, um zu gucken, ob und was er lesen will. Das heißt, immer schön Ordnung reinbringen, Übersichtlichkeit, eine klare Struktur, Keywords fetten. Einfach, damit der Leser gleich sieht, was er kriegt und wo er hin will.

Die zentrale Frage beim Schreiben von Texten für das Internet hängt also vom Leser ab, nicht vom Autor. Alle Welt redet zwar von Google, aber Google analysiert nur das Nutzerverhalten seiner Nutzer. Mit diesen Daten setzt Google den Algorithmus zusammen, der bestimmt, was wie gut gefunden und wie weit oben landet. Es ist nicht mehr der Autor und seine Ästhetik, die maßgeblich für die Erscheinungsform von Texten sind.

Keywords im Internet

Das heißt, wer Google bedienen kann, bedient den Leser. Der Leser ist aber kein Idealleser, sondern der typische Leser. Das ist ein großer Unterschied. Denn der typische Leser ist ein Idiot, weil er der gemeinsame Nenner aller Leser ist. Google ist zwar nicht doof, stellt sich aber komplett in den Dienst des typischen Lesers. Autoren sollten sich, wollen sie gelesen werden, in den Dienst von Google stellen.

Der Leser bestimmt also via Google, wie der Text, den er lesen will, aussehen soll. Und was ist mit dem Autor? Der hat bloß seinen Dienst am Leser zu leisten. Ist das nicht ein schöner Gedanke, dass die Masse der Menschen – über 90 Prozent der Deutschen nutzen Google – darüber mitbestimmt, wie sie informiert werden wollen? Ist das nicht die Demokratie, die überall sonst in die Binsen geht?

Aufbau: Internet Texte

Wichtig ist für Google übrigens, dass die Keywords des Textes, am Anfang, in der Mitte und am Ende des Textes auftauchen. Also nicht wundern, wenn mein letzter Satz lautet: „Das Schreiben von Texten für das Internet ist Chance und Gefahr gleichermaßen.“ Das ist natürlich Quatsch und würde ich so auch nie schreiben, aber wat mutt, dat mutt – Google zuliebe. Folgende Bausteine bei Texten für das Internet sind wichtig:

  • Dachzeile: Keywords rein
  • Überschrift: Keywords egal
  • Vorspann: drei Sätze, direkt am Anfang Keywords, am Ende was Spannendes
  • Text: Keywords am Anfang, in der Mitte und am Ende
  • Video, Bilder und externe Links immer mit reinknallen, die Seite wird dadurch für Google relevanter und weiter oben gelistet
  • Bulletpoints wie hier sind immer gut, weil super übersichtlich

Man kann das Schreiben für das Internet verdammen. Aber warum? Hat der gute Autor sich nicht schon immer bestimmte Regeln gesetzt, in denen er sich bewegen will? Das Sonett etwa ist ein ultrastrenges Gedicht, aber wenn es klappt, übertrifft es jede freirhythmische Ode. Abgesehen davon gilt und galt was der Pionier des literarischen und sprachextremistischen Blogs, Rainald Goetz, sagt: „Man schreibt in erster Linie mit der Sprache.“ Also weder mit Stift noch Internet. Sprache und Texte verändern sich, verändere dich mit!

Internet Text Ende

Wichtig ist, nicht zu lange Texte schreiben. Also lieber Leser, hier kommen jetzt nur noch Reflektionen. Du kannst dich, wenn du nur wegen der Schreibanleitung für Internettexte hier warst, gerne nach weiteren Möglichkeiten umschauen. Denn mir persönlich bist du, lieber Leser, herzlich egal – die Betonung liegt auf herzlich.

Gute Texte für das Internet leben, wie alle Texte, von der erzeugten Reibung. Im Internet funktioniert das so: der avancierte Schreiber hat absolut keine Lust, der Masse zu folgen. Aber er will gelesen werden, weil er für sein Thema brennt. Der Text, der dabei entsteht, verbindet Google-Richtlinien mit Leserfreundlichkeit und Anspruch. Ich hasse das Schreiben von Texten für das Internet, aber ich habe was dazu zu sagen.

Beides hinzukriegen ist eine höllische Aufgabe. Das Schreiben von Texten für das Internet ist einfach die nächste große Herausforderung für Autoren. Das Schreiben von Texten für das Internet tötet nur die Autoren, die sich nicht zu wehren wissen. Das Schreiben von Texten für das Internet ist Chance und Gefahr gleichermaßen.

Von |8. Januar 2019|Kategorien: Ausgebildet|Tags: , , , , |