Tierische Redakteure

– Glosse: Geschichten aus dem Redaktionsalltag –

Als Volontär trifft man im Redaktionsalltag auf viele unterschiedliche Kollegen. Nett und hilfsbereit sind alle. Doch jeder hat seine tierischen Eigenarten.

Der Elefant

Gegen die Mittagszeit schaut der Elefant das erste Mal in der Redaktion vorbei. Während die Kollegen angestrengt über ihren Texten brüten und die Tastaturen malträtieren, fährt der Elefant stoisch seinen Computer hoch und holt sich einen Kaffee. Die Termine für den Tag hat er gestern Abend noch gesichtet. Fällt ein wichtiger Aufmacher weg, hat er irgendwo eine Ersatz-Geschichte in petto. Fotos werden am besten direkt aus dem Auto geschossen, aussteigen wäre zu mühselig. Der Elefant verdient seinen Namen nicht wegen seines schier unermesslichen Gewichts, sondern wegen der dicken Haut, die er sich über die Jahre hinweg angearbeitet hat.

Dort trifft man ihn oder sie an: im gemütlichen Bürostuhl am Schreibtisch.

Der Gorilla

„Die Geschichte mache ich, mit dem Politiker habe ich seit Jahren Kontakt“, ruft der Gorilla in der Redaktionskonferenz und hämmert mit seinen Fäusten auf die stolz angeschwollene Brust. Sitzt eine Frau in der Redaktion, kann das für ihn nur die Sekretärin sein, die ihm jeden Morgen seinen Kaffee bringt. Für manche Themen, eigentlich für alle, ist er der alleinige Experte. Vor zehn Jahren habe er darüber schließlich schon einmal eine Geschichte geschrieben. Diesen einen investigativen Fall, den hat er schließlich alleine aufgedeckt. Ein Premium-Fotograf muss bei seinen Terminen auf jeden Fall dabei sein, schließlich sitzt er an der Geschichte, über die morgen alle sprechen werden.

Dort trifft man ihn oder sie an: Am Headset-Telefon, wild gestikulierend und dabei auf die Tastatur einhämmernd.

Das Huhn

Das Huhn trifft man meist in ganzen Scharen an, meist sind es Hennen, die durcheinander gackern. Allein fühlt sich die Henne einsam, irgendwie uninformiert und in Vergessenheit geraten. „Wusstest du schon, dass …“, ist ihr Lieblingssatz. Brisante Geschichten aus dem Stadtgeschehen erfährt man meist von ihr, denn der Bruder der Cousine ist mit dem Mann des Opfers verheiratet. Wegen ihres ausgeprägten Instinkts als Glucke versorgt sie die Kollegen regelmäßig mit Kuchen und selbstgemachten Feinheiten. In den sozialen Medien ist sie fast immer online, bei Instagram kennt sie sich besser aus als im eigenen Familienstammbaum.

Dort trifft man ihn oder sie an: in der Teeküche.

Die Maus

Die Maus arbeitet ruhig und unauffällig vor sich hin. Am Ende eines langen (Redaktions-)sommers hat sie vorgesorgt und publizistische Vorräte für die dürre Zeit angehäuft. Mit einem Stück Käse, meist eine interessante Geschichte aus dem politisch-wirtschaftlichen Geschehen, lockt man sie aus ihrem Loch hervor. Bevor eine Eilmeldung in die unendlichen Weiten des World-Wide-Web geschossen wird, muss sich die Maus erst bei allen Beteiligten absichern und ihre Stimme einholen. Wegen ihrer Schüchternheit wird die Maus oft unterschätzt, dabei landet genau sie oft die hintergründigen Krachergeschichten, über die am nächsten Morgen in der ganzen Stadt geredet wird.

Dort trifft man ihn oder sie an: versteckt hinter dem großen Computerbildschirm oder im Homeoffice.

Der Welpe

Der Welpe hat eine angesehene Journalistenausbildung absolviert. Crossmediales Arbeiten ist für ihn kein Unwort, sondern eine Lebenseinstellung. Während er mit der linken Hand eine kurze Sequenz auf dem Handy filmt, fotografiert er mit der rechten. Die Fußzehen krallen sich am Bleistift fest und versuchen das nötigste mitzuschreiben. Auf dem Weg in die Redaktion bellt er die erste Facebook-Meldung in den Sprachassistenten seines Handys.

Dort trifft man ihn oder sie an: ganz vorne bei der Pressekonferenz, in luftigen Höhen auf jeder Feuerwehrdrehleiter, in der Mitte des Tropensturms.

Von |10. September 2018|Kategorien: Ausgebildet|Tags: , , , |