Hubert KarlHubert Karl ist ein vorsichtiger Mensch. Keiner, der sich aufdrängt oder das Rampenlicht sucht. Vermutlich ist ihm sogar dieser Artikel ein wenig unangenehm. Wenn der 60-Jährige in kurzer Sporthose und Funktionsshirt über die Zeiler Tartanbahn schlendert, wirkt er wie ein etwas schrulliger Turnvater. Einer, der dem Dorfnachwuchs sein geballtes Wissen über die Leichtathletik im Allgemeinen und das Laufen im Speziellen weitergibt. Irgendwie ist er das auch. Hubert Karl ist aber auch derjenige, den euphorisch jubelnde Zuschauer in Griechenland in einer Traube umringen, bis sie ein Autogramm von ihm in den Händen halten.

Das hätte er sich in den 1980er Jahren nicht vorstellen können. Damals hat er Fußball gespielt, das Laufen war noch kein Thema. Gekickt hat er in Ziegelanger und Steinbach, auf eher niedrigem Niveau. Das hat Karl nicht gestört – wohl aber, dass der Mannschaft in der zweiten Hälfte regelmäßig die Puste ausging, als die Lungen der Raucher im Team schon rasselten wie 25er-Mofas. Um seine Kondition zu verbessern, lief Karl zusammen mit seinem älteren Bruder den Zeiler Trimm-dich-Pfad und war sofort angefixt. 26 Wochen später überquerte er die Ziellinie beim Münchner Marathon. Das war 1984. Sechs Jahre später folgte die Steigerung zum Hundertkilometerlauf, 1990 brauchte er dafür 7:58 Stunden.

König und Bote

Karls Ziel war jedoch ein Anderes. 490 vor Christus, als die Perser die Athener angriffen, schickten Letztere den Boten Pheidippides nach Sparta, um Hilfe zu erbeten. Der Athener lief 246 Kilometer und kam den Überlieferungen nach am Abend des Folgetags an. Hilfe schickten die Spartaner nicht. Als der Brite John Foden die Strecke im Jahr 1982 rekonstruierte und innerhalb von 36 Stunden absolvierte, war das der Start für einen neuen Ultralauf – den Sparthathlon. Karl erfuhr davon im Fernsehen und setzte sich die Teilnahme als Ziel. 1992 lief er die 246 Kilometer in Griechenland in 34:24,05 Stunden, seine beste Zeit gelang ihm sechs Jahre später: 28:59,20 Stunden. 20 Mal legte er seine Hände auf die Füße der Statue des Königs Leonidas. Keiner hat dieses obligatorische Ritual nach dem Zieleinlauf in Sparta öfter vollzogen als der 60-Jährige.

Dass der Sparthathlon für Karl etwas besonderes ist, merkt man sofort. Er hat alle wichtigen Ultraläufe der Welt erfolgreich beendet. Den Kirschblütenlauf in Japan (250 Kilometer), den Badwater Ultramarathon durch das Death Valley(217 Kilometer) und jüngst die deutsche TorTour de Ruhr (230 Kilometer). Wenn er aber beginnt, über den Sparthathlon zu erzählen, tut sich etwas in seinen Augen. So als ob er die letzten, besonders emotionalen Kilometer noch einmal erleben würde. „Auf dem letzten Abschnitt von Tripolis bis Sparta wirst du von der Euphorie getragen. Das ist brutal emotional“, sagt er. „Ich habe noch nie so viele Männer heulen sehen.“ Die Euphorie muss gewaltig sein – von Tripolis bis Sparta sind es noch 50 Kilometer.

Bier und Sirtaki

Wenn Karl die Ziellinie nach 246 Kilometern überquert, genießt er den Moment für sich. Während andere die Show brauchen und sich von den Zuschauern hochjubeln lassen, ist Karl nach außen hin „fast emotionslos“ und bleibt für sich. Nur seine Frau will er in die Arme schließen. Die hat dann meist ein Bier für den Ultraläufer im Gepäck. Nach dem anschließenden Medizincheck geht es zum Duschen und Essen ins Hotel. Schlafen gehen die wenigsten Läufer, Siegerehrungen und Zeremonien stehen auf dem Programm. Ob man das durchhält? „Na klar läuft man nach einer solchen Beanspruchung nicht ganz rund, aber das geht schon. Bei der Zeremonie in Athen am Abend danach tanze ich schon wieder Sirtaki.“

Respekt und Tiefpunkte

Angst hat Karl vor solchen Strecken nicht. Er startet nie blind in ein Rennen, ist sich dem Ausmaß der Aufgabe immer bewusst. „Du darfst aber nie den Respekt vor der Strecke verlieren.“ Mentalen Tiefpunkten während des Laufs kann sich aber auch Karl nicht verwehren. Da fragt sich auch der Zeiler, wieso er sich und seinem Körper so etwas antut.

Durch psychologische Belohnungsspielchen hievt er sich aus diesen Tiefs. „Ich lebe von meinen Zielen“, sagt er. Das gilt im Kleinen für den jeweiligen Lauf, irgendwie aber auch für sein Leben. Denn Ziele hat er immer noch. Wie die aussehen, will er nicht verraten. Da bleibt er vorsichtig.