– Miraculix, die Sackkarre und Germanisten –

Vier Meter breit und drei Meter lang ist der Glühweinstand. In diesen zwölf Quadratmetern werde ich die nächsten Stunden verbringen. Allerdings nicht aus Jux und Tollerei. Nein, auch nicht zum Trinken. Ich helfe der Feuerwehr Langenleiten beim Glühweinausschank. Und das ist anstrengender, als gedacht.

Also rein in den Glühweindunst. Moment, da sind noch andere Gerüche in der Luft. Eine süßliche Mischung aus Apfel und Zimt bleibt in der Nase hängen. Was das wohl ist? Also hoch mit dem Kessel-Deckel und tief einatmen. Meine Vermutung, dass es sich um heißen Apfelmost handelt, war richtig.

Germanistische Exkurse im Glühweinstand

Viel Betrieb ist noch nicht. Mein Blick schweift über meine vier Mitstreiter und durch die Bude.  Dabei erlebe ich einen Schockmoment für Germanisten: „Den Glühweinstand“ gibt es nicht. Das ist ein abstraktes Sprachkonstrukt. Völlig praxisfremd. Es mag vielleicht die gute alte Zeit gegeben haben, in der ein Glühweinstand nur Glühwein hatte, aber die ist vorbei. Denn in den 12 Quadratmetern voller Alkoholdunst gibt es außerdem Schnaps (Kümmel mit Korn und Korn mit Kümmel), Most, Bier, Weißbier, Kinderpunsch und sogar Lebkuchen. Fast wie die Tankstellen: einst nur Benzin und Scheibenwischer, heute gibt es alles bis zum Schlauchboot.

Sackkarren-Slalom

Aber jetzt kommt erst mal die Qualitätskontrolle. Und ja, der Most schmeckt so gut wie er riecht. Verantwortlich dafür ist Matthias – Spitzname Miraculix. Nicht etwa, weil er aussieht wie der Druide aus den Asterix-Comics, sondern wegen seines XXL-Rührlöffels, mit dem er andächtig im Kessel rührt. Er hat bereits am Vorabend dafür gesorgt, dass alle Kessel gefüllt und abgeschmeckt sind. Allerdings sind dadurch die Getränkebestände in den Flaschen dezimiert. Jetzt geht die Arbeit los: Sackkarre schnappen und neuen Glühwein herankarren. Geradeaus fahren? Unmöglich. Das liegt allerdings nicht am Alkoholpegel, sondern an den Besuchern, um die ich Slalom fahren muss.

Kaum abgeladen geht es schon weiter. Tasse unter den Hahn stellen, den Hebel nach vorn drücken: volllaufen lassen. Eine Bestellung jagt die nächste. Wo sind noch saubere Tassen? Ein Blick nach links: An den Spülbecken reinigt Birgit im Akkord Glühweintassen und Mostkrüge. Eigentlich purer Stress, aber das Team arbeitet routiniert und ist gut eingespielt.

Glühwein passt zu Heavy-Metal

Aus der Ecke jinglebellt es in Dauerschleife. Ein Guantanamo-Besuch für die Ohren. Schnell beginnt der Disput über die richtige Weihnachtsmusik. Nach gefühlten Stunden endlich der Programmwechsel: Heavy-Metal Weihnachtslieder ballern durch die Boxen. Bis dahin gilt die Devise: Posttraumatische Belastungsstörung durch Last Christmas und Co. vermeiden.

Der letzte Ansturm ebbt allmählich ab. Zeit, einen Blick auf die Uhr und aus dem Ausschankfenster zu werfen. Das Schichtende naht. Ich hätte gerne schon Feierabend, aber der Job im Ausschank ist noch  nicht beendet. Die Bude putzen, die Kessel auffüllen und den Strom ausschalten steht noch auf der To-do Liste, bevor wir zum gemütlichen Teil übergehen können.

KURZGEFASST

Helfen beim Glühweinausschank auf dem Weihnachtsmarkt in Langenleiten (Immer letztes Wochenende im November)

Kostet: Gehirnzellen