– Johannes greift zum Schnitzeisen –

Die Rhön ist bekannt für ihre Schnitzer. Das klingt zunächst nach einem Zeitvertreib für alte Männer, nach Hobelspänen, Holzstaub und Heiligenfiguren. Johannes hat für Frankenfeeling getestet, was an den Klischees beim Schnitzen wirklich dran ist.

Holzschnitzschule Bischofsheim: Der Ort, an dem Klischees sterben

Die Schule liegt versteckt an einem Berghang in Bischofsheim. Lediglich ein schmaler Weg führt über eine Metalltreppe zum Eingang. Aus der geöffneten Türe hallen Wortfetzen ins Freie. Ich rechne mit alten Lehrern, denen Finger fehlen. Und schon ist mein erstes Klischee gestorben. Der Mann ist mittleren Alters, trägt Jeans und einen gestreiften Pullover, heißt Martin Bühner und hat noch alle Finger.

Internationales Schnitzen

Er unterrichtet an der Holzbildhauerschule in Bischofsheim. „Wir haben rund 30 Schüler“, sagt er. Alte Männer als Schüler? Fehlanzeige. Stattdessen Jugendliche aus Schweinfurt, Krefeld, Schweden und sogar Südkorea, die hier das Schnitzen lernen. Neben der Holzbildhauerei und dem Theorieunterricht stehen noch andere Unterrichtsfächer auf dem Stundenplan: „Modellieren mit Ton, Arbeiten mit Stein, Glas, Keramik oder Metall stehen ebenfalls auf dem Programm“, informiert mich Bühner. Ein Holzbildhauer arbeitet also nicht nur am Holz. Mit der Erkenntnis ist mein nächstes Klischee gestorben.

Auch Emotionen und Innehalten gehören zum Schnitzen dazu

Ich bin heute allerdings „nur“ zum Schnitzen gekommen. Deshalb führt mich Bühner in ein Klassenzimmer. Das hat mit den Klassenzimmern, die ich kenne, nur wenig gemeinsam. Denn es ist offen und hell. Durch ein Panoramafenster fällt das Morgenlicht auf die Schüler und deren Werkstücke. Holzstaub tanzt im Licht, während ich meine Umgebung mustere: Hölzerne Werkbänke stehen in kleinen Hobelspan-Haufen. Es riecht nach Holz.

Als ich meine Kamera ablege, streifen meine Finger die Werkbank. Sie ist alt und hat Macken. Möglicherweise ist im Laufe der Zeit nicht nur ein Schüler beim Schnitzen abgerutscht und hat das Schnitzeisen in der Werkbank verewigt. Trotz der Narben ist sie schön anzusehen. Schweiß, Holzabrieb, Beizen und Öle haben eine glatte, dunkle Patina auf ihr hinterlassen. Welche Werke wohl auf ihr in all den Jahren entstanden sind? Schlagartig reißt mich Bühner aus den Gedanken. „Ich hole Werkzeug und Holz“, sagt er.

„Aufs Holz klopfen“ bekommt in der Holzbildhauerschule eine neue Bedeutung

Während ich warte dringt rhythmisches Klopfen in meine Ohren. Einige Schüler bearbeiten ihr Werkstück mit dem Klüpfel – einem Holzhammer – bearbeiten. Mit ihm treiben sie gerade ihr Schnitzeisen Stück für Stück ins Werkstück. Wie mir die Schüler erklären, ist der Holzhammer überwiegend für grobe Arbeiten geeignet.

Andere sind dagegen schon weiter und beschäftigen sich mit Feinarbeiten an ihrem Werkstück. Mit schmalen Schnitzeisen arbeiten sie filigrane Details aus dem Holz. Die nehmen beim aktuellen Projekt einen großen Teil der Arbeit ein: Insekten – und nicht wie erwartet Krippenfiguren oder Heiligenbilder. Später erfahre ich, dass Sakrale Kunst nur gelegentlich im Unterricht vorkommt. Damit ist das nächste Klischee gestorben.

Gute Ratschläge von den Profis

Solange Bühner Material holt, beobachte ich Marieke Meinhard bei ihrer Arbeit. Aktuell schnitzt sie einen Ohrenkneifer. Dabei liegen ein Tonmodell und einige Bilder des Tiers vor ihr. „Man muss sich an das Motiv herantasten“, erklärt sie mir. Span für Span fällt auf den Boden. Meine Feststellung, nachdem ich einige Schüler beim Arbeiten beobachtet habe: Räumliches Vorstellungsvermögen ist hier unabdingbar. Außerdem stelle ich fest, dass nicht jeder mit dem gleichen Material arbeitet. Einige arbeiten mit Linde, andere dagegen mit dem Holz von Obstbäumen. Was alle eint, ist die hohe Genauigkeit beim Arbeiten.

Was bitte ist ein Kerbschnitt?

Ich frage mich mittlerweile, was Martin Bühner von meinem Erstwerk erwartet und versuche Mariekes Worte im Kopf zu behalten. Inzwischen ist er mit zwei Schnitzeisen und einem Stück Holz zurück. „Wir machen einen Kerbschnitt“, sagt er, während er das Holz im Schraubstock einspannt. Dann zeichnet er mit Lineal und Bleistift mehrere 1,5 Zentimeter kleine Dreiecke an. Mein erster Gedanke: Das ist machbar. Aber dann zeichnet Bühner weiter. Schließlich hat er das Innere der Dreiecke mit Linien gefüllt, die sich an einem Punkt treffen.

Planlos geht der Plan los

Zweiter Gedanke meinerseits: Oha. Was soll ich denn schnitzen? Dann legt Bühner Lineal und Bleistift beiseite, greift sich das Schnitzeisen und legt daraufhin am Schnittpunkt der Linien los. „Von innen nach außen. Wichtig ist, dass du dabei innen tief ins Holz gehst und nach außen hin flacher wirst.“ Dann setzt er an den Eckpunkten an und führt das Eisen entlang der Außenlinien. Wenige Sekunden später ist eine kleine umgedrehte Pyramide in meinem Stück Holz. Ich stutze. Bühner scheint das bemerkt zu haben: Deshalb macht er mir es erneut vor. Dann bin ich dran.

Rustikal versus professionell

Als ich das Schnitzeisen in die Hand nehme, streichen meine Fingerkuppen über die nur wenige Millimeter breite Schneide. Sie ist messerscharf. Als ich sie daraufhin ansetze, gleitet sie ohne jeden Widerstand durchs Holz. Allmählich erscheint etwas Pyramiden ähnliches neben dem perfekten Kerbschnitt von Martin Bühner. Zeit für einen ersten Vergleich: Bei ihm legt sich Fläche an Fläche. Spreißel an den Kanten gibt es keine.

Meine Schnitzkunst ist dagegen eher als rustikal einzustufen. Bei mir stehen einige Spreißel in den Kanten und die Flächen sind nicht so gleichmäßig wie bei ihm. „Das wird schon mit ein bisschen Übung“, ermutigt er mich. Ich bin skeptisch. Schließlich schnitzt er schon seit mehreren Jahrzehnten, während ich seit einer Minute am Holz arbeite.

Meditative Aspekte beim Schnitzen

Trotz meiner Skepsis zeigt sich schnell, dass er richtig liegt. Schon nach einigen Dreiecken lässt sich die Verbesserung sehen. Kneift man die Augen zusammen, ähneln meine Versuche allmählich Bühners Kerbschnitten. Mit jedem Schnitt versinke ich mehr in der Arbeit. Ich finde meinen Rhythmus. Ansetzen, einschneiden, stemmen. Das Klopfen der Klüpfel wirkt meditativ.

Plan B für die Zukunft

Bühner reißt mich plötzlich aus der Trance. „Das sieht doch gar nicht schlecht aus für das erste Mal. Damit lässt sich fast schon die Aufnahmeprüfung machen“, bewertet er mein Erstwerk. Sollte mein angestrebter Job als Redakteur einer Tageszeitung also floppen – dann weiß ich wo ich mich bewerbe. Denn: Schnitzen ist mehr als nur Heiligenfiguren.

Ein Video von Johannes beim Schnitzen findet ihr unter:

https://www.infranken.de/regional/bad-kissingen/in-der-holzschnitzschule-in-bischofsheim;art211,4071029

KURZGEFASST

Schnitz-Kurs

Wo? bei den Bildhauern Claudia Fink und Roland Ehmig

Wann? Vom 30. Mai bis 1. Juni findet ein kurzer Schnitzkurs statt und vom 15. April bis 18. April und vom 31. Oktober bis 3. November findet ein langer Kurs statt.

Kosten? Der kurze Schnitzkurs kostet 215 Euro und der lange 265 Euro.

Infos? Tourist-Information Bischofsheim unter der Telefonnummer 09772 910150