– Straßenbahn der Gefühle-

Mit einer historischen, weihnachtlich geschmückten Straßenbahn eine Stadtrundfahrt durch Nürnberg machen, dabei mit Weihnachtsmusik in den Ohren einen Glühwein schlürfen und leckere Elisenlebkuchen naschen – für Dunja und mich (Jutta) klang das wunderbar, um in Weihnachtsstimmung zu kommen. Wir konnten es uns daher nicht entgehen lassen, einmal die Nürnberger Glühweinfahrt mitzumachen. Eine „stimmungsvolle Rundfahrt“ wurde uns versprochen – und ja, es war wirklich eine Achter- oder besser gesagt: Straßenbahn der Gefühle…

Holpriger Anfang

Zunächst: Spontanes Mitfahren ist nicht so leicht möglich. Besonders die späteren Fahrten ab 17 Uhr sind schon Wochen vorher beinahe gänzlich ausgebucht. Wir sind auf Nummer sicher gegangen und haben uns Tickets für eine 15-Uhr-Fahrt online reserviert. Die gibt es 15 Minuten vor Abfahrt am VAG-Infomobil auf dem Bahnhofsvorplatz. Dort stehen wir bereits um 14.30 Uhr. Stellt sich nur die Frage: Wo sollen wir jetzt hin?? Hier erkennen wir kein Info-Mobil und auch kein Schild oder ähnliches,  das uns den Weg weist. Also nochmal runter zum VAG-Service… Der uns prompt wieder nach oben schickt, allerdings sollen wir „die seitliche Treppe neben dem Lottostand hochgehen“. Ganz schön nervig – und als wir oben an einer S-Bahn-Haltestelle gegenüber des Bahnhofsvorplatzes rauskommen, entdecken wir plötzlich das Infomobil, versteckt hinter einem Baukörper, vom Haupteingang des Bahnhofes aus gar nicht sichtbar! Kein Wunder, das wir es von dort aus nicht entdeckt haben. Nachdem wir eine viertel Stunde lang den Ticketverkauf gesucht haben, sind wir immerhin pünktlich um 14.45 Uhr dort. Und hier stehen wir nun, ganze weitere 20 Minuten an! Denn es gibt keine extra Schlange für Reservierungen. Das einzig Erfreuliche: Ab und zu kommt der Bahnfahrer vorbei, uns und die anderen bei Laune zu halten.  5 Minuten nach geplanter Abfahrt sind wir dann auch mal an der Reihe. Unsere Stimmung ist mittlerweile auf einem Tiefpunkt angelangt. Immerhin sind uns die letzten verbleibenden Sitzplätze sicher, da wir ja reserviert hatten.

Entspanntes Fahren mit Lebkuchen, Glühwein und Musik

Von außen hätten wir die schlichte, alte Bahn mit zwei Wagons beinahe übersehen. Nur die „Schnauze“ ist schön geschmückt. Als wir einsteigen, erkennen wir noch etwas Deko an den Haltestangen, das war es aber auch schon wieder. Die Bahn ist wie erwartet nostalgisch – das heißt auch: harte, kalte Holzsitze. Das ist für uns aber kein Problem, schließlich ist es ja etwas Besonderes, mit dieser alten Bahn aus den 60ern zu fahren. Allerdings haben wir uns schon etwas mehr Weihnachtsatmosphäre erhofft.  Kaum geht die Fahrt los, kommt auch schon eine Frau vorbei und drückte uns Glühwein (wahlweise auch Kinderpunsch) und Lebkuchen in die Hände. Da es keine Ablagemöglichkeit gibt, fühlen wir uns plötzlich ganz schön „beladen“.  Dafür schmeckt der Glühwein und Elisenlebkuchen aber fabelhaft und schnell waren die Hände auch wieder frei! Die erste Runde ist im Preis inbegriffen, wer mehr möchte, muss zahlen. Die Tasse kann man übrigens behalten oder das Pfand spenden. Im Hintergrund spielt nun leise Weihnachtsmusik und die Heizung wird aufgedreht. Unsere Laune steigt deutlich. Schöne Sache!

Gar nicht mal so weihnachtlich!

Der Stadtführer erzählt von den Bauten links und rechts der Straßenbahnlinie – wer aber denkt, hier bekommt man Nürnbergs Highlights zu sehen, liegt falsch. Wie auch in der Broschüre zu lesen ist gibt es hier Sachen, die es sonst in keinem Stadtführer zu finden gibt. Für uns ist das nicht so spektakulär durch die Wohnviertel zu fahren und weil wir so schön beieinander sitzen, kommen wir in Plauderlaune. Dass wir jemanden stören ist eigentlich ausgeschlossen, denn der Stadtführer spricht über ein Mikro und der Wagon ist mit Lautsprechern versehen. Wenn sich Leute um uns herum unterhalten, bekommen wir das gar nicht mit, da die Durchsagen jeden Ton überhallen. Zu unserer Enttäuschung spricht der Stadtführer nach anfänglichen Pausen, die mit Weihnachtsmusik gefüllt wurden, beinahe eine Dreiviertelstunde lang durchgehend ins Mikro.

Unsere Gespräche kränken kurz vor knapp dann wohl doch das Stadtführer-Ego und so kommt er auf uns zu mit der „Bitte“, nicht mehr zu sprechen. Wir sehen sofort ein, dass es störend ist und nicken, um eine peinliche Diskussion vor versammelter Mannschaft zu entgehen – was ihm scheinbar völlig entgeht. Es folgt eine „Dududu“-Fingerzeig-Predigt vom Feinsten: „Wenn es Sie nicht interessiert, was ich sage, dann können Sie an der nächsten Haltestelle aussteigen.“ Spätestens hier war für uns Schluss mit Lustig. So einen Satz erwarte ich nicht bei der allerersten Ermahnung, vor allem nicht dann, wenn man sofort Besserung gelobt. Nein – jetzt haben wir wirklich keinen Bock mehr und verbringen den Rest der Fahrt schweigend damit, auf die Uhr zu schauen, wann es endlich vorbei ist. Schnell die Tassen abgeben und nix wie raus. Draußen wartet schon eine Gruppe Studentinnen darauf einzusteigen. „Hoffentlich finden wir einen Platz zu viert“, sagt eine. Ich denke nicht, dass sie wissen, dass ihnen ein fast einstündiger Vortrag ohne große Gesprächspausen bevorsteht.

Unser Fazit

Die Nürnberger Glühweinfahrt sollte man nicht (wie wir) mit einer coolen vorweihnachtlichen Aktivität verwechseln – sie ist vielmehr eine Stadtführung in außergewöhnlicher Atmosphäre. Wer Interesse an Nostalgie hat und seltene Einblicke von Nürnberg erhalten möchte, wird garantiert seine Freude an dieser Stadttour haben. Wer aber gerne Zeit mit seinen Freunden in einem weihnachtlichen Ambiente verbringen möchte, sollte lieber ein paar Schritte weiter zum Christkindlesmarkt gehen und die 19 Euro dort für Punsch und Lebkuchen ausgeben.

KURZGEFASST

Nürnberger Glühweinfahrt
vom 30.11. bis 23.12.2018
Immer mittwochs bis sonntags
Dauer ca. 50 Minuten
19 Euro inklusive Lebkuchen, Tasse Glühwein und Sammeltasse